Partizipation an der Gertrund Bäumer Realschule Essen

Von Matthias Bäcker

QUA-LIS NRW: Lernen Sie Unterrichtsmethoden der Gertrud-Bäumer Realschule kennen, die auf Partizipation und Empowerment der Schülerinnen und Schüler setzen.

Lesen Sie den Artikel der Qualitäts- und UnterstützungsAgentur – Landesinstitut für Schule  (QUA-LiS NRW) über die Unterrichtsmethoden unserer Schule hier.

Was wurde im Bereich partizipativer Unterrichtsgestaltung etabliert?

Seit ca. neun Jahren wird an der Gertrud Bäumer Realschule in allen Fächern und Stunden nach dem „Ich-kann-Prinzip“ unterrichtet.

Das „Ich-kann-Prinzip“ bedeutet, dass jede Unterrichtsreihe so strukturiert wird, dass in jeder Unterrichtseinheit die Schülerinnen und Schüler eine „Ich-kann-Kompetenz“ erreichen können. Diese Kompetenz bezieht sich auf den Lehrplan und ist im Wesentlichen gestaffelt nach den Operatoren der Kompetenzorientierung in den verschiedenen Kernlernplänen: Verstehen, Erklären, Anwenden, Übertragen…

Ein Beispiel: Deutsch Klasse 5, Märchen…1. Einheit: Ich kann das Märchen verstehen. 2. Einheit: Ich kann das Märchen nacherzählen. 3. Einheit: Ich kann die Märchenelemente erkennen usw. Vor der Klassenarbeit kann eine Einheit auch darin bestehen, dass Schülerinnen und Schüler eine Checkliste erstellen. Dann lautet die Formulierung: Ich kann eine Checkliste aller wichtigen Elemente eines Märchens für die Klassenarbeit erstellen!

Wichtig ist, dass der „Ich-kann-Satz“ am Anfang der Stunde angeschrieben wird bzw. mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet wird, um ihn in der Reflexionsphase gemeinsam zu überprüfen: 
Hast du dein Ziel erreicht? Falls nicht, welchen „Ich- kann“- Zwischenschritt brauchst du noch?

Wichtig ist auch, dass das Verb „können“ immer benutzt wird, da es auf die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler hinweist und sie stärkt.

Ziel ist es insgesamt, Unterrichtssequenzen auf Wichtiges zu reduzieren und Lernschritte messbar zu machen.

Hierzu gibt es einen Lehrkräftebogen und einen Bogen für Schülerinnen und Schüler.
Die Klassenarbeit enthält dann entsprechend einen Erwartungsbogen und einen Auswertungsbogen zu den einzelnen „Ich-kann-Kompetenzen“!

Motivation und Entscheidungsgrundlage

Entstanden ist die Idee aus dem Wunsch und der Notwendigkeit heraus, jeder Schülerin und jedem Schüler die Verantwortung für das eigene Lernen zu übertragen, um Differenzierung und selbstständiges Lernen möglich zu machen. Nachdem alle Unterrichtseinheiten umgeschrieben waren, sind alle Unterrichte im Partiturverfahren visualisiert und digitalisiert worden. 

Wirkung und Herausforderungen

Eine Herausforderung bestand darin, die Unterrichtsplanungen umzuschreiben, gleichsinnig zu gestalten und durchgängig die „Ich-kann“-Formulierung zu verwenden. Aus diesem Grund wurde mit dem Jahrgang 5 und 6 begonnen und die weiteren Jahrgänge sukzessive ergänzt. Ferner bestand eine weitere Herausforderung darin, alle Lehrkräfte im Implementationsprozess mitzunehmen, da befürchtet wurde, wichtige Unterrichtsinhalte würden verloren gehen. Es hat sich aber schnell gezeigt, dass speziell die Fokussierung auf Kernkompetenzen nachhaltig zum Lernerfolg beiträgt.

Ein Beispiel: Englisch Unit: A visit to London. Statt alle Inhalte zum Thema „London und seine Sehenswürdigkeiten“ zu lernen, wird das folgende Ziel verfolgt: „Ich kann meinen Eltern/Freunden/einem Gast fünf Sehenswürdigkeiten in London zeigen und Ihnen diese erklären!“

Und ein weiterer positiver Effekt: Die entsprechende Neugestaltung der Unterrichtsreihen hat zu verstärkter Teamarbeit in den Jahrgängen, parallelen Unterrichtsreihen und Klassenarbeiten geführt. Zweimal im Schuljahr werden die Unterrichtsreihen in den Jahrgangsfachkonferenzen reflektiert und ergänzt.

Erfahrungen und ungenutzte Potenziale

Was hat Sie am meisten überrascht, seitdem Sie mehr Partizipation im Unterricht ermöglicht haben? Welche positiven Veränderungen wären Ihnen ohne diesen Schritt vielleicht entgangen? Welche einfachen ersten Schritte würden Sie Kolleginnen und Kollegen oder anderen Schulleitungen empfehlen, die noch unsicher sind, ob sich der Aufwand lohnt?

Die Schülerinnen und Schüler lernen nach kurzer Zeit, ihre Lernschritte selbst zu formulieren. Der „Ich-kann-Satz“ zu Beginn der Stunde wird zum Ritual und die Überprüfung in der Reflexionsphase erfolgt automatisch. Die Lernenden füllen ihre Lernbögen aus und dokumentieren ihren Lernfortschritt und die Anforderungen schriftlich. Hinzu kommt, dass die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Lernschritte beurteilen, und sich die passenden Aufgaben ebenfalls notieren.

Der Lernprozess erfolgt sukzessive selbstständig und ist für alle transparent. Die Klassenarbeit überprüft die erarbeiteten Kompetenzen. Durch das parallele Arbeiten gibt es für alle Schülerinnen und Schüler vergleichbare Anforderungen und das sorgt für eine größere Gerechtigkeit und Zufriedenheit.